COSURCA: Höhere Bildung für das Hinterland

Abwanderung ist ein gravierendes Problem in Kolumbien. Erntearbeiter*innen fehlen in der Kaffee- genauso wie in der Kakao- und Obsternte in immer mehr Landkreisen. Das will eine innovative Genossenschaft ändern. Sie hat im Cauca eine weiterführende Schule aufgebaut – sie soll der Jugend Perspektiven aufzeigen. Reportage von Knut Henkel

Die Schüler*innen bilden sich an einem besonderen Ort weiter: der Corpocaminos Schule in Timbio

Zwischen Zuckerrohrfeld und Klassenzimmer

Felix Grimaldo sitzt in den Unterrichtspausen gern auf der mit einer Wandmalerei verzierten Terrasse hinter dem Schulgebäude und lässt seinen Blick über die geschwungenen Bergrücken gleiten. Die prägen die Landschaft rund um die Kleinstadt Timbío im Süden Kolumbiens. Zwei Tage pro Woche ist der 22-Jährige zum Lernen in der Stadt, die rund zwanzig Minuten Fahrzeit südlich von Popayán, der Hauptstadt der Region Cauca, liegt. Corpocaminos heißt die Schule, die Grimaldo im zweiten Semester besucht, und das mit Begeisterung. „Hier lerne ich, was ich zuhause direkt anwenden und weitergeben kann“, sagt der hagere Typ, der gemeinsam mit seinen Eltern einen kleinen Hof mit kaum mehr als einem Hektar Zuckerrohranbaufläche bewirtschaftet. Landwirt im Nebenerwerb ist Grimaldo. Oft schuftet er als Tagelöhner – mal auf dem Bau, mal in der Zucker-, der Obst-, Kaffee- oder Kakaoernte.

Corpocaminos: Die etwas andere Schule

„Wir leben von der Hand in den Mund und bei Aussaat, Ernte und Verarbeitung bin ich in der Nachbarschaft meist dabei“, sagt er. Ein, nein zwei Tattoos lugen aus dem weißen Poloshirt mit dem Logo der Schule hervor. „Wir durften erst nach einem sich über mehrere Jahre hinziehenden Genehmigungsverfahren im Spätsommer 2025 öffnen und den ersten wissbegierigen Schwung junger Student*innen begrüßen“, erklärt Olga María Gómez mit einem zufriedenen Lächeln.

Sie ist die Direktorin der etwas anderen Schule in Timbío und hat sich zu uns gesetzt. Corpocaminos wendet sich an Frauen und Männer aus der Region, die sich weiterqualifizieren wollen, um zu bleiben, nicht um zu migrieren. „Hier im Cauca, einer landwirtschaftlich geprägten und unter dem bewaffneten Konflikt leidenden Region, haben wir ein gravierendes Problem mit der Abwanderung der Jugend. Viele junge Leute lassen sich in Städten wie Cali, Palmira oder Pasto ausbilden, aber sie kehren nicht zurück. Manche gehen sogar ins Ausland“, schildert Gómez die prekäre Situation. Qualifizierte Arbeitskräfte in der zwischen Mai und September laufenden Kaffeeernte sind genauso chronisch knapp wie bei der Ernte von Erdnüssen, Kakao, Obst oder auch Kokablättern. Die werden vor allem in abgelegenen Regionen wie Argelia, im Süden des Cauca, angebaut. 

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„Hier lerne ich, was ich zuhause direkt anwenden und weitergeben kann“, sagt Felix Rodrigo, der gemeinsam mit seinen Eltern einen kleinen Hof mit kaum mehr als einem Hektar Zuckerrohranbaufläche bewirtschaftet.
Ab August soll neben dem Studiengang „nachhaltiger Agrarwirtschaft“ auch das erste Semester „nachhaltiger Tourismus“ unterrichtet werden.
Olga María Gómez ist Direktorin von Corpocaminos. Die Schule wendet sich an Frauen und Männer, die sich qualifizieren, um zu bleiben, nicht um zu migrieren.

Der Genossenschaftsverband COSURCA

Die Region kennen Dozent*innen wie Andrea Alvarado, Schüler*innen wie Juliana Antury, Henry Guzmán oder William Panja aus eigener Anschauung. Die Sträucher mit den hellgrünen Blättern garantieren vielen Kleinbäuer*innen das Überleben. Für Agraringenieurin Alvarado, die ähnlich wie mehrere ihrer Schüler*innen jeden Donnerstag aus dem im Süden des Verwaltungsbezirks Cauca liegenden Bolívar zum Unterricht nach Timbío anreist, ein strukturelles Problem. Gut drei Stunden Fahrt legt die 30-jährige Dozentin zurück, die auch als Agrarberaterin für Cosurca tätig ist,. COSURCA heißt der Genossenschafts-Dachverband mit insgesamt zwölf Genossenschaften, die neben Kaffee, auch Kakao, Zuckerrohr und Erdnüsse anbauen und zu den zuverlässigen und langjährigen Lieferanten der GEPA gehören. Drei Container Kaffee werden in Wuppertal in diesem Jahr erwartet und lokal bietet Cosurca z.B. Kaffee gemahlen und ungemahlen an. Aber auch andere Produkte.: Wie zum Beweis liegt auf dem Tisch neben Felix Grimaldo eine leere Verpackung mit dem Logo der Genossenschaft, die karamellisierte Erdnüsse enthielt. Das Logo, zwei Berge, eingefasst von Nadelbäumen, über denen die gelbe Sonne steht, ist in der Schule mit ihren vier, fünf Unterrichtsräumen immer mal wieder zu sehen. Kein Wunder, denn COSURCA beziehungsweise dessen Geschäftsführer René Ausecha hat die Gründung der Schule 2019 initiiert. „Wir müssen für unseren eigenen Nachwuchs sorgen, denn zum einen liegt das Durchschnittsalter unserer Genoss*innen bei 56 Jahren, zum anderen müssen wir der jüngeren Generation aufzeigen, wo Entwicklungspotentiale – und -perspektiven liegen“, meint Ausecha. Der 56-jährige Agraringenieur hat in den letzten Jahren mit den Kolleg*innen aus der Geschäftsführung die Produktpalette des Dachverbandes mit insgesamt 1500 Mitgliedern ausgebaut. 

„Wir müssen für unseren eigenen Nachwuchs sorgen, denn zum einen liegt das Durchschnittsalter unserer Genoss*innen bei 56 Jahren, zum anderen müssen wir der jüngeren Generation aufzeigen, wo Entwicklungspotentiale – und -perspektiven liegen“

René Ausecha, COSURCA Geschäftsführer

Nachhaltig, fair und innovativ im abgehängten Hinterland!

Schokolade ist das nächste COSURCA-Produkt, welches 2027 als Schokopulver, Kuvertüre und vielleicht auch als Riegel in den lokalen Handel kommen könnte. 300 Familien, die von Ausecha und seinen Kolleg*innen beraten werden, wollen die dicken Schoten neben Kaffee, Lebensmitteln und Co. anbauen. So wird die Angebotspalette von COSURCA, die eine eigene Kaffeemarke eingeführt haben,  weiterwachsen. „Dafür ist Know-how nötig. Hier in der Zentrale, aber eben auch bei den Genossenschaften vor Ort, wo die Strukturen verbessert und Perspektiven geschaffen werden sollen“, betont Ausecha. Das geht nur über die Qualifikation des eigenen Nachwuchses in den jeweiligen Gemeinden. „Wir wollen die qualifizieren, die in den ländlichen Regionen bleiben, sie entwickeln wollen. Denjenigen, die Perspektiven sehen, Lust haben, sich zu engagieren, wollen wir Instrumente in die Hände geben, um ökonomische Initiativen anzuschieben“, erklärt Ausecha den nachhaltigen Ansatz. Der basiert auf Bio-Anbau, solidarischem Wirtschaften auf kleinen Flächen, die im Schnitt kaum mehr als 1,5 Hektar betragen, und dem Aufbau gemeinsamer Strukturen.

Ein Gegenentwurf zur Agrarindustrie

In Kolumbien ist das alles andere als typisch. Die Ausbildung in technischen Berufen in der Landwirtschaft orientiert sich in aller Regel am konventionellen, agroindustriellen Modell. „Unsere beiden Diplome, eines in agrarökonomischer Produktion und das zweite im nachhaltigen Tourismus, basieren auf Modellen des solidarischen Wirtschaftens in kleinbäuerlichen Strukturen“, erläutert Olga María Gómez den Ansatz. Der will in den oft abgelegenen, ländlichen Regionen durch die Ausbildung junger und auch weniger junger Menschen für einen Transformationsschub sorgen. Dabei kommt dem Team um Corpocaminos zugute, dass in vielen der Gemeinden, wo die Schüler*innen herkommen, bereits Genossenschaften existieren. Die sollen wie eine Art Sprungbrett der regionalen Entwicklung funktionieren und die Idee scheint zu funktionieren, wie das Beispiel von Felix Grimaldo zeigt.

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Geschäftsführer des Genossenschafts-Dachverband COSURCA René Ausecha will der jüngeren Generation Entwicklungspotentiale – und -perspektiven bieten.
Agraringenieurin Andrea Alvarado kennt die Probleme der Region aus erster Hand und will mit ihrer Lehrtätigkeit an der Schule gezielt gegensteuern.
Zully Solarte ist eine der sieben Dozent*innen, bestehend aus Agrar- und bald auch Tourismusexpert*innen.
Andrea Alvarado und Olga María Gómez vor dem Schulgebäude

Wissen weitergeben und Heimat stärken

„Mir gefällt es Leuten in Cajibío, meiner Heimatregion, direkt weiterzugeben, was ich hier lerne. So gebe ich etwas zurück, denn schließlich hat unsere regionale Genossenschaft Asocam meine Schulgebühr im ersten Semester übernommen“, erklärt der junge Landwirt mit leuchtenden Augen. Er hat im ersten und im laufenden zweiten von insgesamt vier Semestern einiges dazugelernt. „Ich wusste, dass die Senioren die Aussaat bei zunehmendem Mond empfehlen, ich wusste aber nicht, dass es dafür gute Argumente gibt“, erklärt der 22-jährige. Er schätzt den Cauca, lobt, dass sich die Leute gegenseitig helfen, oft ohne sich zu kennen. „Wir sind viel besser als unser Ruf. Hier im Cauca ist es nicht überall gefährlich“, meint Grimaldo und ärgert sich über die einseitige mediale Darstellung. Die stört den wissbegierigen Schüler, als den ihn Andrea Alvarado und Zully Solarte kennengelernt haben. Die beiden Dozentinnen zählen zum derzeit siebenköpfigen Kollegium und sind beide Agrarexpertinnen. 

Mehr staatliche Präsenz – mehr lokale Entwicklung

Das Kollegium soll bald weiter angewachsen, so Direktorin Olga Gómez. „Im August wollen wir das erste Semester im nachhaltigen Tourismus anmelden und peu à peu auf das immense lokale Potential aufmerksam machen“. Als Tourismus-Hot-Spot gelten bisher nur die Provinzhauptstadt Popayán, nahegelegene Vulkane wie der Puracé oder der indigene Marktflecken Silvia. Das soll sich ändern und der Ausbau der Infrastruktur durch die Regierung rund um die Panamericana, die wichtigste Schnellstraße der Region, ist für Olga Gómez ein Zeichen in die richtige Richtung. Doch noch wichtiger ist für sie mehr staatliche Präsenz in Gemeinden wie La Vega, La Sierra oder El Bordo.

„Nach wie vor gibt es viele Gemeinden, aus denen Schüler*innen kommen, wo die bewaffneten Akteur*innen das Kommando haben. Der Staat ist nicht überall präsent. Das muss sich ändern“, appelliert die Direktorin der Schule an die neue Regierung, die höchstwahrscheinlich in zwei Wahlen Ende Mai und Mitte Juni gewählt wird.  

Eine Einschätzung, die der 33-jährige Henry Guzmán aus der Kaffeeregion La Vega teilt. Der kräftige Mann war bereits am Donnerstag im Auftrag seiner Genossenschaft zur Kaffeeschulung bei COSURCA in Timbío. Nun ist er den Freitag und den Samstag zum Lernen bei Corpocaminos. „Das bringt mich und meine Genossenschaft weiter, aber generell hätten wir gern mehr Spielraum für eigene Entscheidungen“, sagt der Kaffeebauer offen.

„Nach wie vor gibt es Gemeinden, aus denen Schüler*innen nach Timbío kommen, wo die bewaffneten Akteur*innen das Kommando haben. Der Staat ist zu wenig präsent, das muss sich ändern.“

Olga Gómez, Direktorin von Corpocaminos.

Sprungbrett in eine bessere Zukunft

Das ist nicht ungewöhnlich unter den 23 Schüler*innen der ersten beiden Semester, die zwischen 17 und 45 Jahre alt sind und sehr harmonisch miteinander umgehen. „Wir kochen, wir diskutieren, wir lernen voneinander“, sagt Grimaldo. Er genießt das und die 21-jährige Juliana Antury aus der Kaffeeregion La Sierra nickt zustimmend. Sie ist die Tochter eines Kaffee anbauenden Ehepaars und hat sich dafür entschieden, dort zu bleiben, wo sie groß geworden ist. „Ich sehe hier Perspektive, will die Farm meiner Eltern weiterführen und hole mir hier das nötige Know-how“, sagt die drahtige Frau mit dem langen Haarschopf lachend. Mit dieser Einschätzung ist sie unter den zehn, zwölf Teilnehmer*innen nicht allein. Das freut Dozentin Andrea Alvarado. „Wir haben hier bei Corpocaminos einen relativ hohen Frauenanteil und das spiegelt sich auch in den Gemeinden, wo ich als Beraterin für COSURCA aktiv bin, wider. Für mich ist das genauso ein Fortschritt wie Corpocaminos als Bildungsprojekt von unten“, erklärt die Agraringenieurin. Sie arbeitet als Beraterin in der Region Bolívar bei der Implementierung eines Erdnussanbau-Projekts in der Gemeinde Capellanias vor allem mit Frauen. Für einige von ihnen könnte die viersemestrige Ausbildung bei Corpocaminos attraktiv sein. Allerdings nur, wenn sich eine Genossenschaft oder ein Förderer für das Schulgeld findet. Das beträgt umgerechnet rund 300 Euro pro Semester und das kann sich kaum eine der Frauen leisten, so Alvarado. Capellanias gehöre eher zu den ärmeren Gemeinden im Cauca.  

Wo bekommt man COSURCA Kaffee?

Von COSURCA erhält die GEPA Rohware für den Bio Kaffee Kolumbien PUR 250g. Er ist in Weltläden, Bioläden, im gut sortieren Lebensmittelhandel, sowie im GEPA-Store in Wuppertal oder online unter www.gepa-shop.de erhältlich.

Kaffee

Bio Kaffee Kolumbien gemahlen