Fairer Handel gegen ausbeuterische Kinderarbeit: Chancen und Grenzen

Unser Positionspapier zum Thema Kinderarbeit
Positionspapier zum Thema Kinderarbeit
Eines der wichtigsten Kriterien im Fairen Handel ist das Verbot von ausbeuterischer Kinderarbeit. Darunter verstehen wir gemäß der Konvention der Internationalen Arbeiter-Organisation (ILO) alle Arbeit, die die Entwicklung eines Kindes erschwert bzw. verhindert, z.B. weil sie einen Schulbesuch unmöglich macht oder gefährlich für Körper und Seele des Kindes ist. Die schwersten Formen der ausbeuterischen Kinderarbeit sind Sklaven- und Zwangsarbeit.
Die Mithilfe von Jugendlichen gilt dagegen als positiv, sofern sie gesundheitsverträglich ist, ihre persönliche Entwicklung nicht beeinträchtigt und die Schulbildung nicht stört. Dazu zählen etwa die Mithilfe im Familienbetrieb oder das Verdienen von Taschengeld außerhalb der Schulzeit. Solche Tätigkeiten fördern ihre Entwicklung, vermitteln wichtige Fähigkeiten und unterstützen die Familien.
Die Ursachen für ausbeuterische Kinderarbeit sind meist strukturell bedingt: zu niedrige Löhne der arbeitenden Eltern, zu niedrige Produktpreise, Gewinnmaximierung als oberstes Ziel der aufkaufenden Firmen auch bei hohen Weltmarktpreisen z.B. für Kakao. Aber auch finanzielle Not der Menschen, die sich in der langen Kette z.B. des Sklavenhandels ihren Lebensunterhalt verdienen, oder „einfach nur” kriminelle Ambitionen dieser beteiligten Menschen gehören zu den Ursachen.
Der Faire Handel versucht mit verschiedenen Instrumenten, Kinderarbeit unnötig zu machen, dazu gehören die Zahlung von fairen Preisen bzw. Löhnen für die arbeitenden Eltern und langfristige, gesicherte Handelsbeziehungen. Auch die Sensibilisierung der Produzent*innen hinsichtlich einer gesunden Entwicklung ihrer Kinder ist wichtiger Bestandteil im Fairen Handel. Die Ermöglichung des Schulbesuchs, häufig über die Fair Handels-Prämie mitfinanziert, ist ein weiterer wichtiger Aspekt.
Jährliche Inspektionen als Kontrollsystem
„Die GEPA arbeitet mit verschiedenen Fair Handels-Kontrollsystemen zusammen, um die Einhaltung der Fair Handels-Kriterien zu überprüfen”, so Andrea Fütterer, Leiterin der Abteilung Grundsatz und Politik. Dies ist z.B. bei unseren Handelspartnern für Kakao und Kaffee Fairtrade International. Es werden jährliche Inspektionen vor Ort gemacht, bei Missständen hat eine Organisation einige Monate Zeit, diese zu beheben. Bei weiterem Verstoß gegen die Kriterien wird eine Produzenten-Organisation dann aus dem Fairtrade-Register suspendiert oder dezertifiziert. Bei einer Dezertifizierung heißt dies für uns als GEPA, dass wir mit der betreffenden Organisation nicht weiter zusammenarbeiten.
Die GEPA arbeitet mit verschiedenen Kontrollsystemen zusammen, um die Einhaltung der Fair Handels-Kriterien zu überprüfen.
Viele unserer Handwerkspartner sind, so wie die GEPA selbst, Mitglieder der World Fair Trade Organization (WFTO) und werden über das Guarantee System der WFTO kontrolliert.
Abgesehen von diesen externen Kontrollen besucht die GEPA auch selbst Produzenten-Organisationen, dies dient u. a. dem direkten Dialog, dem Austausch von Informationen, der Sensibilisierung für die jeweiligen Realitäten und Erwartungen, aber auch der Überprüfung von Fair Handels-Kriterien.
Im Kontext des Europäischen Lieferkettengesetzes erstellt die GEPA darüber hinaus Risiko-Analysen: So soll die Gefahr von Menschenrechtsverletzungen wie ausbeuterische Kinderarbeit entlang der Lieferkette minimiert werden. Wir engagieren uns mit ganzer Kraft gegen ausbeuterische Kinderarbeit. Eine hundertprozentige Garantie können wir jedoch – trotz aller Sorgfalt – nicht geben.

Politische Rahmensetzungen erforderlich
Weltweit arbeiten ca. 160 Millionen Kinder, um einen Beitrag zum Überleben ihrer Familien zu sichern.
Bei einem Marktanteil von z.B. fair gehandeltem Kaffee von rund sechs Prozent in Deutschland liegen die Grenzen des Fairen Handels jedoch auf der Hand. Daher sind übergeordnete Maßnahmen und politische Rahmensetzungen erforderlich, die die strukturellen Ursachen angreifen.
In die Schule zu gehen ist das Beste für die Kinder.
Die ILO-Kernarbeitsnorm 182 von 1999 zum Verbot der schlimmsten Formen der Kinderarbeit fordert „unverzügliche Maßnahmen“, die bis heute ausgeblieben sind. Auch freiwillige Selbstverpflichtungen haben die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. So unterzeichnete z.B. die Schokoladenbranche im Jahr 2001 eine Selbstverpflichtung, das sogenannte Harkin-Engel-Protokoll, das die Beendigung der schlimmsten Formen von ausbeuterischer Kinderarbeit bis 2005 zum Ziel hatte. Dieses Ziel wurde mehrfach revidiert und reduziert. Das letzte aktuelle Ziel war die Reduzierung von Kinderarbeit um 70 Prozent bis 2020, auch dieses Ziel wurde nicht erreicht. Bisher haben sich die Aktivitäten der Branche schwerpunktmäßig auf die Bereiche Produktivitätssteigerung und Qualitätsverbesserung konzentriert und damit kaum einen Beitrag zur Beendigung von Kinderarbeit geleistet.
Eine im Oktober 2020 herausgegebene Studie der University of Chicago zeigt die drastische Situation der Kinder im Kakao-Sektor in Westafrika: Dort gibt es ca. 1,5 Millionen Kinderarbeiter*innen, die Zahl ist sogar gestiegen. Die Kinder arbeiten oft unter sklavenähnlichen Bedingungen, wie auch die WDR-Doku „Die Story“ im März 2024 aufgezeigt hat. Diese Kinder verrichten gefährliche Arbeiten mit der Machete, tragen schwere Lasten und sind gefährlichen Pestiziden ausgesetzt.
Aktuelle Situation
Der Zusammenhang von Armut, zu niedrigen Löhnen und Preisen sowie Kinderarbeit liegt auf der Hand. Daher hatte die GEPA bereits 2021 den KakaoPlusPreis eingeführt: Damals zahlte sie inkl. Fairtrade- und Bio-Prämie 3.500 US-Dollar/Tonne für Kakao aus Ostafrika und Lateinamerika und 3.100 Euro (inkl. Prämien) für westafrikanische Länder.
Damit war die GEPA bewusst über die damaligen Fairtrade-Standards hinausgegangen. Fairtrade International hat jedoch inzwischen seine eigenen Mindestpreise und Prämien deutlich erhöht und an die Markt- und Börsen-Preisentwicklung angepasst. Der aktuelle Preis liegt jetzt inkl. Fairtrade- und Bio-Prämie bei 4.040 US-Dollar pro Tonne. Mitte Juni werden Fairtrade- und Bio-Prämie erneut erhöht, sodass der Gesamtpreis dann bei 4.225 US-Dollar pro Tonne liegt.
Nach einem historischen Preishoch von 8.000 bis 12.000 US-Dollar pro Tonne 2024 ist der Weltmarktpreis für Rohkakao inzwischen wieder deutlich gesunken und liegt aktuell bei rund 3.072 USDollar pro metrische Tonne (Stand 23.02.2026). Denn die Ernten in den beiden wichtigsten Kakao-Anbauländern Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) und Ghana sind deutlich höher ausgefallen als erwartet. Damit sind auch die Exportmengen gestiegen und die Einkaufspreise gesunken.
Es gilt das bekannte Spiel von Angebot und Nachfrage – ein typisches Muster, das oft auch als „Schweinezyklus“ beschrieben wird. Die Entwicklung kann sich auch wieder drehen: Künftige Ernteeinbrüche lassen Rohwarenpreise und schließlich auch Endverbraucherpreise steigen. Die Nachfrage nach Kakao sinkt. Wenn dann das Angebot die Nachfrage übersteigt, sinken die Rohstoffpreise wieder und der Teufelskreis beginnt von vorn.
Im konventionellen Handel gibt es keine Preis-Untergrenze wie im Fairen Handel. Durch extreme Preisschwankungen fehlt Kakaobauernfamilien häufig jede Planungssicherheit. Der Faire Handel – und damit auch die GEPA – bietet hier durch Mindestpreise und Prämien eine wichtige Absicherung nach unten.

Fair konsumieren, Risiken minimieren.
Wir haben es alle in der Hand, das Risiko ausbeuterischer Kinderarbeit zu senken. Fair kostet nicht die Welt, kann aber die Welt verändern. Ein Schokoriegel in bio und fair ist oft nicht teurer als ein vergleichbares konventionelles Qualitätsprodukt. Auch die Wirtschaft sehen wir in der Pflicht: Industrie und Handel müssen Verantwortung übernehmen, Risiken identifizieren und minimieren - ganz im Sinne des europäischen Lieferkettengesetzes.
Höhere Rohkakao-Preise für die Menschen am Anfang der Lieferkette sind nötig - und das sollte es uns allen, Handel, Politik und Verbraucher*innen, wert sein. Die Klimakrise fordert ihren Tribut - und der geht bislang auf Kosten von Menschen im Kakao-Anbau und ihren Kindern. Es braucht jetzt ein Umdenken und Handeln, damit Kinder im Globalen Süden eine Zukunft haben.
Das Eintreten für gerechtere Produktions- und Handelsbedingungen auf der internationalen politischen Ebene ist eines der wichtigsten Anliegen im Fairen Handel und wird über die nationalen und internationalen Netzwerke des Fairen Handels geleistet.
Lieferkettengesetz: Rückschritt statt Reform
Seit Jahren setzt sich die GEPA für ein wirksames Lieferkettengesetz mit Unternehmenshaftung ein. Doch leider gibt es Kräfte, die das Rad zurückdrehen. Mit dem im Februar 2025 von der EU-Kommission angekündigten „Omnibus-Verfahren” fiel der Startschuss für eine neue Deregulierungswelle. Der Anwendungsbereich der Richtlinie wird substanziell eingeschränkt, sodass zukünftig nur noch Unternehmen mit mindestens 5.000 Mitarbeiter*innen und mindestens 1,5 Mrd. EUR Umsatz einbezogen sind (statt ursprünglich 1.000 Mitarbeiter*innen und 450 Mio. EUR Umsatz). Der Wirkungsbereich des Gesetzes beschränkt sich damit nur noch auf rund 150 Unternehmen in Deutschland. Eine Rechenschaftspflicht für Klimaschutz geht verloren und zivilrechtliche Haftung muss nicht mehr über alle EU-Mitgliedsstaaten hinweg harmonisiert werden.
GEPA zeigt: Fair und transparent wirtschaften funktioniert
Aus unserer Sicht ist diese Entwicklung fatal. Mittelständische Fair Handelsunternehmen wie die GEPA zeigen seit Jahrzehnten, dass umweltgerechtes und faires Wirtschaften funktioniert. Auch kleine und mittlere Unternehmen können Sorgfaltspflichten in globalen Lieferketten sehr wohl erfüllen, da sie oft weniger Zulieferer haben und die Lieferketten auch transparenter sind. Viele Unternehmen haben sich schon auf den Weg gemacht, weil sie das Lieferkettengesetz für sinnvoll halten. Es sind eher die Wirtschaftsverbände, die bremsen.
Als Mitglied des Forum Fairer Handel (FFH) kämpfen wir weiterhin für ein wirksames Lieferkettengesetz mit Unternehmenshaftung (lieferkettengesetz.de) Wir befinden uns in guter Gesellschaft mit vielen anderen engagierten Unternehmen und Organisationen, die sich ihrer Verantwortung im globalen Geschäft bewusst sind.
Zum Artikel „Ein Jahr an Bord des Omnibusses: Was bleibt vom EU-Lieferkettengesetz?” auf der Website des Forum Fairer Handel
Politik mit dem Einkaufskorb
Die Sensibilisierung von Bürger*innen ist die Grundlage für zunehmende Nachfrage nach fair gehandelten Produkten. Diese wiederum bringt immer mehr konventionelle Unternehmen dazu, faire Produkte in ihr Sortiment aufzunehmen. Das zeigt der Umsatz-Anstieg der letzten Jahre, welcher überwiegend im Mainstream-Markt stattgefunden hat.
Konventionelle Unternehmen arbeiten in der Logik der Gewinnmaximierung für ihr Unternehmen und fürchten Skandale und Kritik. Daher können informierte Kund*innen, die ihre Verbraucher-Macht z.B. durch „aktiven Nicht-Kauf“ bestimmter Produkte oder Marken einsetzen, am wirkungsvollsten auf unfaire Firmenpraktiken Einfluss nehmen.
Besonders die letzten Jahre haben gezeigt: Die Kombination aus „Politik mit dem Einkaufskorb“ und zivilgesellschaftlichem Druck, analog auf der Straße und digital im Netz, ist unschlagbar!
Das EU-Lieferkettengesetz ist ein wichtiger erster Schritt in die richtige Richtung. Doch zeigen das Tauziehen, besonders auf deutscher Ebene, und der abgeschwächte finale Kompromiss, dass die Zivilgesellschaft hier weiter Druck auf Handel und Politik ausüben muss.






