GEPA und EUDR: schon vor der Pflicht zur Kür

Während die EU die Verordnung zur entwaldungsfreien Lieferkette (EUDR) erneut vertagt, haben wir mit unseren Partnern schon zentrale Forderungen erfüllt.

Mann an einem Kaffeestrauch. Er hebt einen Arm an einen Zweig und lächelt in die Kamera.
Jesus Lovaton, Mitglied der Kaffeegenossenschaft José Olaya in Peru, auf seiner fünf Hektar großen Finca, die er von seinem Vater geerbt hat. Die Kaffeekirschen wachsen hier auf ca. 1.500 bis 1.800 Metern Höhe in einem Naturwald. Die Parzellen werden mit Satellitenaufnahmen dokumentiert (Georeferenzierung). Kaffeeanbaugebiete sind besonders von Rodung bedroht. Deshalb ist die Verordnung zur entwaldungsfreien Lieferkette (EUDR) so wichtig.

Kaffeeanbau: jährlich rund 130.000 Hektar vernichtet

Theorie und Praxis: Während die EU die Verordnung zur entwaldungsfreien Lieferkette (EUDR) erneut auf Ende 2026 und später vertagt, haben wir mit unseren Partnern in Afrika und Lateinamerika längst Fakten geschaffen und zentrale Forderungen erfüllt. Und das mit gutem Grund: Gerade die Anbaugebiete für Kaffee, Kakao und Palmöl sind besonders von Rodung bedroht. Allein im Kaffeeanbau werden jährlich rund 130.000 Hektar vernichtet. Dabei stabilisieren Wälder das Ökosystem, indem sie Wasser speichern, Böden schützen, Nährstoffe zirkulieren lassen, das Mikroklima regulieren und Lebensraum für eine hohe Artenvielfalt bieten – alles wichtige Voraussetzungen, damit Bäuer*innen in den Anbauländern auch in Zukunft eine Existenzgrundlage haben und Verbraucher*innen hierzulande weiter Kaffee oder Schokolade konsumieren können.

Zwischen Fußmarsch und Funkloch

Die Vermessung ist einfacher gesagt als getan, weil die Infrastruktur oft schlicht fehlt. Konkret: Zu den Parzellen führen dann keine Straßen. Es gibt womöglich auch kein Netz, sodass die Daten nicht sofort auf dem Programm der Genossenschaften gespeichert werden. Es kommt außerdem vor, dass ein Bauer zwei Parzellen hat, die weiter voneinander entfernt liegen. Der Techniker muss den Weg dorthin zum Teil zu Fuß oder mit dem Motorrad zurücklegen.

Wem gehört was und wie beweist man das?

Auch der Nachweis der Eigentumsverhältnisse ist komplexer, als wir es hier gewohnt sind. Teilweise gibt es bei unseren Partnergenossenschaften in Afrika und Lateinamerika Eigentumstitel, Nutzungs- oder Gewohnheitsrechte. Letztere entstehen durch Pacht, Erbe oder mündliche Absprache. Solche informellen Gewohnheitsrechte sind ebenfalls legal. Zum Vergleich: In Europa sind Zufahrtsstraßen und Besitzverhältnisse gut dokumentiert (z.B. Liegenschaften durch Katasterämter). Das kennen teilweise auch langjährige Partnergenossenschaften für Kakao wie El Ceibo (Bolivien) oder CECAQ-11 (São Tomé). Sie können auf Katasterdaten zurückgreifen und gehen damit sogar über die Anforderungen von EUDR hinaus.

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Ein an eine Wand projiziertes Bild zeigt eine Landkarte mit vielen kleinen gelben oder grünen Flächen.
Die Karte zeigt die Parzellen der Bauern um den Berg Pedroma auf São Tomé an. Die Farbe (Grün/Gelb) gibt Aufschluss über die Zertifizierung der jeweiligen Parzelle.
Drei Männer und zwei Frauen sitzen um einen Tisch. Zwei haben je einen aufklappten Laptop vor sich.
Gemeinsame Qualitätskontrolle der erhobenen Daten bei CECAQ-11. In der Mitte: GEPA-Einkaufsmanagerin Silvia Kurte bei einem ihrer Besuche auf São Tomé.
Hand hält ein Smartphone, auf dem ein Satellitenbild und Geodaten zu sehen sind.
Smartphone mit den Geodaten einer Parzelle eines Kakaobauern von CECAQ-11 (São Tomé)

Glaubwürdigkeit, Datenschutz und Eigennutz auf einen Nenner bringen

Wie die Beispiele zeigen, stellt die EUDR die Produzent*innen unserer Partnergenossenschaften vor große Herausforderungen. Die Aufgabe unserer Einkaufsmanager*innen für Kaffee, Kakao und Palmöl ist es, den Bäuer*innen die Ängste zu nehmen und stattdessen die Vorteile hervorzuheben. Vorbereitend haben sich unsere Kolleg*innen über Webinare des Deutschen Kaffeeverbands und des Bundesamts für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) schulen lassen. Kleber Cruz García, Einkaufsmanager Kaffee, hat dafür einen Fragebogen in Spanisch entwickelt, der ins Englische übersetzt wurde.

Unsere Partner erheben die Geodaten in der Regel mit selbst finanzierten GPS-Geräten. In einigen Fäll haben wir die Partner beim Kauf der Geräte unterstützt. Wir zahlen für die Tests. Die Geodaten behandeln wir vertraulich. Das heißt: Die Genossenschaft erstellt eine Liste der einzelnen Parzellen, die auf dem Satellitenbild zu sehen sind. Kleine Felder erscheinen als Punkte, bei größeren Feldern kann man die Umrisse erkennen. Für Flächen von mehr als vier Hektar müssen die Koordinaten als „Polygon“ eingereicht werden, also als eine geschlossene Fläche, die durch mehrere GPS-Punkte miteinander verbunden ist. So kann die Genossenschaft die Daten aller Mitglieder recherchieren und über Mitgliedsnummern auch ihre Namen rückverfolgen. Bisweilen sind die Parzellen unserer Partnergenossenschaften auch Kollektiveigentum, z. B. Besitz eines ganzen Dorfes.

Stichtag für die Entwaldung ist der 31.12.2020. Entwaldung danach wird nach der künftigen EUDR nicht akzeptiert. Um Verstöße oder Verdachtsfälle zu identifizieren, werden alte und neue Satellitenkarten übereinandergelegt. So werden Unstimmigkeiten schnell sichtbar.

Dieses Erklärvideo der Bundesanstalt für Ernährung und des Bundesinformationsamtes Landwirtschaft gibt einen guten und allgemeinverständlichen Überblick, wie die EUDR allgemein in die Praxis umgesetzt werden soll:

Wenn der Schein trügt: Warum Kontextanalyse unerlässlich ist

Die Geodaten allein führen manchmal zu falsch-positiven Ergebnissen. Beispiele:  

  • Klimabedingte Extremwetter wie Starkregen, Überflutung verbunden mit Ufererosion und Hangrutsch lassen das Entwurzeln von Bäumen an Flüssen schnell wie Rodung aussehen.
     
  • Laut Studien kann Agroforstwirtschaft selbst auf hochwertigen Satellitenkarten fälschlich als Entwaldung interpretiert werden, denn EUDR basiert stark auf Baumkronenbedeckung (tree cover) und kartiert häufig schlicht „Baum = Wald“.  Dabei handelt es sich zumeist um Flächen, die bereits seit Jahrzehnten landwirtschaftlich genutzt werden und mit ihrem Konzept der Schattenbewirtschaftung eine wichtige Anpassungsmaßnahme an die Klimakrise darstellen – ganz im Interesse unserer Partner.

Wegen dieser falsch-positiven Ergebnisse ist bei der Auswertung Gegenrecherche durch unsere Rückfragen zum Kontext bei den Genossenschaften unerlässlich.

Gute Basis: Fair- und Bio-Standards stärken die EUDR-Analyse

Fair- und Bio-Zertifizierungen haben uns und unseren Partnern die Vorarbeit sehr erleichtert. Wie eine Studie zeigt, sind Fairtrade-zertifizierte Kooperativen besser in der Lage, Wälder zu schützen als nicht zertifizierte Unternehmen. Zu den Faktoren zählen der Fairtrade-Mindestpreis und die Fairtrade-Prämie, die Kooperativen und Produzent*innen wichtige Ressourcen für Investitionen in den Naturschutz bieten, sowie EUDR-bezogene Maßnahmen wie die Geolokalisierungskartierung.

Die Rodung und Zerstörung von Urwald bzw. die Kultivierung von primären Ökosystemen ist verboten.

aus den Naturland-Richtlinien Erzeugung

Auch die Naturland-Richtlinien sind eine wertvolle Ergänzung. Dort heißt es: „Die Rodung und Zerstörung von Urwald bzw. die Kultivierung von primären Ökosystemen (z.B. Tundra) ist verboten, nach dem Jahr 2000 umgewandelte derartige Flächen können nicht Naturland zertifiziert werden.“ Auch durch regelmäßige Besuche vor Ort, Workshops und Videokonferenzen haben unsere Einkaufskolleg*innen gute Ausgangsbedingungen geschaffen, um die EUDR noch vor dem offiziellen Start umzusetzen. So übernehmen wir Verantwortung für Mensch, Natur und Zukunft.

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Acht Männer verteilt um einen Konferenztisch. Auf eine Leinwand im Hintergrund wird ein Satellitenbild projiziert.
Produzenten bei einer Schulung von Sol y Café zur EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten
Auf eine Leinwand wird ein Satellitenbild von Google Maps gezeigt, auf dem viel Wald zu sehen ist.
Blick auf eine Satellitenaufnahme im Rahmen einer Schulung von Sol y Café zur EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten.
Gruppe von Menschen in einer Kaffeepflanzung. Zwei junge Männer halten je ein Smartphone in Händen.
Der Techniker prüft den Netz-Empfang für die Satellitendaten bei GEPA-Kaffeepartner CAFESMO, Honduras.
Ein Mann hält vor einer Gruppe Zuhörender einen Vortrag. Auf die Leinwand ist eine spanischsprachige Folie über den klimawandelbedingten Temperaturanstieg projiziert.
Die Kaffeebäuer*innen müssen über Klimawandel geschult werden, damit sie Notwendigkeit der EUDR verinnerlichen. Hier zu sehen bei GEPA-Kaffeepartner CAFESMO in Honduras. Jährlich werden im Kaffeeanbau ca. 130.000 Hektar Wald gerodet.
Bauer arbeitet an einer Kaffeepflanze auf einem Feld. Unten im Bild sind Geodaten eingeblendet.
Ist die Parzelle eines Bauern kleiner als vier Hektar, wird nur ein Punkt festgelegt. Für Flächen von mehr als vier Hektar müssen die Koordinaten als „Polygon“ eingereicht werden.

Wenn die EUDR in Kraft tritt, sind wir auf jeden Fall gut vorbereitet.

Stephan Beck, Leiter Einkauf und Qualitätssicherung der GEPA

Absatzchancen erhöhen, Risiken vermeiden

Die Abläufe für den „Echtlauf“ werden jetzt eingeübt: Im Rahmen einer Risiko- oder Legalitätsanalyse erbringt die GEPA den Nachweis, dass die Rohstoffe Kaffee, Kakao und Palmöl gemäß den einschlägigen Rechtsvorschriften des Erzeugerlandes erzeugt wurden (EUDR Art. 3b). Anhand der Fragebögen überprüft sie, ob Eigentumsrechte, Menschenrechte, Rechte von indigenen Völkern sowie Waldschutz gewahrt bleiben. Bei jedem Import von Kaffee, Kakao oder Palmöl muss sie eine Sorgfaltspflichtenerklärung abgeben und mit Hochladen der Geodaten belegen, dass die Rohstoffe entwaldungsfrei sind. In den Prozess sind Mitarbeitende aus Einkauf, Qualitätssicherung sowie Grundsatz und Politik eingebunden. Stephan Beck, Leiter Einkauf und Qualitätssicherung der GEPA: „Wir haben jetzt schon die Geodaten und die gesetzkonforme Produktion vor Ort überprüft, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen.“ Das kommt allen zugute, die am Handel beteiligt sind: Bäuer*innen im Anbau, der GEPA und den Verbraucher*innen. Bei Letzteren ist Nachhaltigkeit trotz Inflation weiter hoch im Kurs, wie eine Umfrage des Marktforschungsteams YouGov letztes Jahr gezeigt hat. Stephan Beck: „Wir sind zuversichtlich, dass wir gemeinsam mit unseren Partnern Mitbewerbern ein gutes Stück voraus sind. Wenn die EUDR in Kraft tritt, sind wir auf jeden Fall gut vorbereitet“.